Die Situation und die Geschichte von Michael Neugebauer ist in ganz vielen Fällen auch unsere eigene Geschichte. Von uns
Angestellten wie auch Selbstständigen wird in der heutigen Zeit immer mehr Flexibilität verlangt. Filialen werden zusammengelegt, Firmen geschlossen, der nächstmögliche Job ist oftmals weit
entfernt und mit viel nerviger wie auch teurer Fahrerei verbunden. Von den wirklich langfristigen Jobs, die die vorherige Generation noch gewohnt war, sind wir heute weit entfernt.
Der Preis, den wir für unsere Beweglichkeit zahlen ist hoch und wird fast wöchentlich höher. Denn auch wenn unser aller Einkommen gleich bleibt oder tendenziell sogar leicht abnimmt,
die Preise für Benzin, Lebensmittel, Strom und Gas steigen ständig weiter an. Der Staat schaut tatenlos zu, Michael nicht. Er musste pro Monat 250 Euro Treibstoffkosten nur für die Fahrt zur Arbeit
aufbringen und wagte kürzlich den Sprung ins kalte Wasser, in die Arbeitslosigkeit. Er spürt die Ohnmacht, die uns beim Blick auf die Zapfsäulen alle befällt.
Sind wir noch immer mündige Bürger, die unser Schicksal selber in der Hand nehmen können? Manchmal fühlt man sich eher wie mitten in einer Herde Schafe. Wir meckern zwar über die allseits
steigenden Preise, die Deutschen sind ja bekanntlich die Weltmeister im Jammern. Aber niemand hat eine Idee, was man praktisch gegen diese Misere tun könnte. Schuld an den Preissteigerungen sind
nicht nur die Nationen, die im Mittleren Osten Kriege führen. Schuld sind auch nicht nur die Mineralölkonzerne, die gerne gerade kurz vor Beginn der Ferien künstlich die Preise anheben. Einen
erheblichen Anteil des Benzinpreises macht die Mineralölsteuer und die Umsatzsteuer aus, der Staat kassiert an den Tankstellen also doppelt. Satte 64% des aktuellen Preises geht direkt in
die Steuersäckel. In Frankreich denkt man aktuell über eine Steuersenkung zur Entlastung der Bevölkerung nach, in Berlin nicht. Seit 1950 stiegen die Mineralölsteuern um über 2.350% an!
Eine Zahl, die man sich, will man sie begreifen, erst lange auf der Zunge zergehen lassen muss. Zudem muss seit dem 1. Januar 2007 dem Sprit zwangsweise teurer Ökosprit beigemischt werden, was
sich ebenfalls negativ auf den Preis ausgewirkt hat.
Vom gestiegenen Energiebedarf Chinas und anderen Länder oder den möglichen Auswirkungen einer drohenden militärischen Offensive gegen den Iran wollen wir an dieser Stelle lieber nicht sprechen.
Im Mittelpunkt des Interviews sollte der Kaufmann selbst stehen, der schon jetzt droht, wieder in Vergessenheit zu geraten.
Lars Sobiraj: Vielleicht stellst du dich den Lesern einfach mal ausführlich vor.
Michael Neugebauer: Hi, ich bin Michael Neugebauer. Ich bin vor kurzem 30 Jahre alt geworden und nein, das hier war keine Midlife-Crisis-Aktion. Ich habe keine Kinder und keine Frau, was auch
einer der Gründe war, warum ich das Ganze überhaupt tun konnte, ich habe niemandem außer mir selbst geschadet. Meine Hobbys sind im Allgemeinen Musik hören, das Internet sowie Onlinespiele und
Amateur-Webdesign. Auto bzw. Motorradfahren war auch eins meiner Hobbys, aber das fällt leider flach und in Zukunft wird sich daran auch nicht viel ändern, außer es schenkt mir jemand ein
Elektro-Auto.
Lars Sobiraj: Deinen Wagen zu verbrennen weil sich wirklich kaum noch jemand die aktuellen Benzinpreise leisten kann war in jedem Fall konsequent. Hast Du mit der Aktion das erreicht was du
dir vorgenommen hast?
Michael Neugebauer: Also damit ich nicht wie jemand dastehe der so etwas tut, weil er denkt, damit die Welt zu ändern und somit zum größten Club der Welt (die Naivlinge) gehören würde, habe ich
meine Ziele relativ niedrig gesteckt. Wenn ich sage, dass mein eigentliches Ziel war, das Auto in erster Linie zu zerstören würde ich sagen, das habe ich schon mal geschafft. Aber im Grunde hat
die ideologische Wirkung ungefähr das Maß getroffen, wie ich es mir gedacht habe. Es war nach einem Tag aus dem Kopf, aber wichtig war, dass es von den Medien wahrgenommen wurde und
möglicherweise einen Motivationsschub für andere sein kann, die etwas Ähnliches wagen wollen aber sich nicht sicher sind, ob man so was in Deutschland überhaupt tun kann. Ja, man kann.
Lars Sobiraj: Wie war denn die Reaktion der Presse? Hatten die Verständnis für deine Situation oder ging's denen eher darum, deine geistige Gesundheit infrage zu stellen?
Michael Neugebauer: Obwohl jeder Zweite, den ich gesprochen hatte, eigentlich sofort meinte, dass so etwas doch verrückt sei, werde ich das nicht überbewerten, weil die meisten Menschen schon von
etwas "Verrücktem" reden, wenn sie sehen, wie Angela Merkel in die Hände klatscht, siehe EM-VIP-Tribüne. Da ich wusste was die Konsequenzen waren und ich eigentlich mit einem härteren Vorgehen
der Polizei gerechnet habe, würde ich mich jetzt mal spontan als "nicht total wahnsinnig" beurteilen. Aber ich gebe zu, dass wenn ich mir das Ganze im Nachhinein überlege, es doch nicht unbedingt
etwas Alltägliches war, zumindest nicht in Deutschland.
Lars Sobiraj:Ist schon Post von der Polizei bei
dir gelandet? Wie geht die Geschichte nach der Abmeldung des Pkws weiter?
Michael Neugebauer: Nein, bis jetzt hat mir die Polizei nur den Chip zurückgegeben auf dem ein kurzer Film des Brandes (der jetzt auf YouTube ist) und ein paar weitere Bilder waren. Ich warte
noch auf die "Quittung".
Lars Sobiraj: Was sind deine Forderungen an unseren Staat? Sollte dieser im Gegenzug die Steuern senken, um so den Benzinpreis im Lot zu halten? Oder geht es dir mehr um Investitionen in
alternative Energieformen? Biosprit oder Elektroautos sind in den vergangenen Jahren ja nur wenig unterstützt worden, selbst die EU sieht eine Abkehr von den Investitionen vor.
Michael Neugebauer: Es sollen bis 2025 alle neuen Fahrzeuge mit Hybridantrieb ausgestattet sein. Aber man kann davon ausgehen, dass dies natürlich vonseiten der Regierungen und Konzernen schon
schneller hätte vonstattengehen können. Aber solange man noch Öl zum Verkaufen hat, wird niemand so dumm sein "ernsthaft" etwas anderes anzubieten, solange die Vorräte nicht aufgebraucht bzw.
verkauft worden sind. Meine Forderung wäre gewesen, zumindest zu versuchen den Benzinpreis konstant zu halten, um mögliche Demonstrationen oder Aufstände zu verhindern, um keine Menschen in
Gefahr zu bringen. Denn falls der Benzinpreis und die allgemeinen Preise für grundsätzliche Dinge des Lebens immer weiter steigen, die Löhne aber immer gleich bleiben, werden sich mehr und mehr
Menschen, die dann sowieso langsam nichts mehr zu verlieren haben, überlegen, ob sie nicht auch mal etwas anzünden oder sonst was tun, um auf Missstände aufmerksam zu machen.
Lars Sobiraj: Du rufst die Besucher deiner Website auf etwas zu tun - aber was? Die Aktionen bei bestimmten Marken an bestimmten Wochentagen nicht zu tanken haben nicht gefruchtet. Was können wir denn effektiv tun, um nicht
weiter zu einer blökenden und zahlenden Schafsherde degradiert zu werden, die nach Lust und Laune ausgenommen wird?
Michael Neugebauer: Tatsächlich müssen bestimmte Faktoren erfüllt sein, um etwas zu erreichen. Das Einfachere dieser Dinge ist zu wissen, was man tun kann, um die Wirtschaft kurzzeitig so zu
blockieren, damit es auffällt. Das größte Problem ist aber immer, die benötigte Menge an Menschen darüber zu informieren. Nehmen wir an ich hätte die Möglichkeit an "jeden" Autofahrer in
Deutschland einen Brief zu schicken mit dem Aufruf, 2 Tage lang nicht zu tanken, niemand, nirgends in Deutschland. So etwas würde auffallen, denn die Konzerne und die Regierung würden dadurch
sehen, dass ein gut koordinierter Aufruf die Wirtschaft um mehrere 100 Millionen Euro schädigt. Damit wäre z. B. der Regierung gezeigt worden, dass es möglicherweise bald eine andere
großflächige Aktion geben kann, die dann Milliarden kostet. ABER da es niemanden gibt, der so viele Menschen gleichzeitig erreichen kann, haben wir für solche Aktionen ein Koordinationsproblem,
das eigentlich niemand wirklich lösen kann.
Lars Sobiraj: Für die Ausübung des eigenen Jobs nicht weit fahren wollen ist gerade zu Zeiten, in denen die Pendlerpauschale abgebaut wird, verständlich und nachvollziehbar. Schränkt es nicht
aber andererseits auch deine mögliche Jobauswahl sehr stark ein? Wie viel Mobilität und Flexibilität (Umzug in eine fremde Stadt etc.) darf der Staat von uns verlangen?
Michael Neugebauer: Für mich selbst ohne Frau und Kinder wäre ein Umzug nicht so das Problem, vorausgesetzt das Gehalt kann eine kleine Wohnung abdecken. Wenn ich absolut egoistisch gewesen wäre,
hätte ich das auch tun können, anstatt mein Auto demonstrativ zu verbrennen. Allerdings hätte es dann wahrscheinlich auch niemand anders getan. Ich kann nicht pauschal sagen, was man vom
einzelnen Bürger verlangen kann, was er auf sich nehmen muss nur um arbeiten zu "dürfen". Allerdings kann ich sagen, dass z. B. ein Viertel des Gehalts nur für die Fahrtkosten einfach zu
viel ist. Es haben mir Menschen E-Mails geschrieben, die verzweifeln, weil sie ihre Familie nicht versorgen können, alles zu viel kostet und das vor 10 Jahren noch nicht der Fall war. Da die
Löhne aber nicht steigen, werden die wachsenden Kostenblöcke immer mehr ein Problem für jeden Einzelnen. Da die meisten Arbeitnehmer früher oder später eine Familie haben und nicht einfach
wegziehen können, bin ich eben der Meinung, dass man mit einer
Senkung der Treibstoffkosten bzw. Wiedereinführung der Pendlerpauschale oder etwas ähnlichem, SEHR vielen Menschen auf einen Schlag helfen könnte.
Wer Michael finanziell unterstützen möchte, er hat einen eigenen "Stoppt den Spritwucher Shop" mit einigen Goodies wie der Tasse (Bild) eröffnet.
Alle Bilder via acidware.de & Michaels "Niederlassung" bei MySpace, thx!
Quelle: Gulli